Kelten

Natur als Zeit

Das Martinsloch im Tschingelhorn bei Elm

Martinsloch
«glaret» wie ein Denkmal, ein Wunder still in das Land
Der Name von Stadt und Kanton Glarus wurzelt vermutlich im romanischen Clarona, was hell, lichte Stelle im Gelände bedeutet und auf die romanische Besiedlung verweist.

Zweimal, im Frühjahr und im Herbst, erscheint im Dorf Elm am Morgen 10 Minuten vor dem Sonnenaufgang für etwa zweieinhalb Minuten lang durch das Martinsloch ein Lichtkegel und trifft jeweils am 13./14. März und am 30.09./1.10. genau den Kirchturm von Elm.

Mit hoher Präzision wird so Zeit gemacht, ist mit dieser natürlichen Sonnenuhr seit Menschengedenken jährlich wiederkehrend der Rhythmus von Tagundnachtgleichen, ein Kalender, vorgegeben.

Genaue Berechnungen der Sonne-Mond-Ereignisse am Elmer Beispiel ergaben, dass man an dieser riesigen Natur-Sonnen-Monduhr viele interessante Aspekte der Himmelsmechanik studieren kann.

Glarner Hauptüberschiebung
Das Fenster im Felsen ist Teil eines geologischen Phänomen und der Entdeckung des alpinen Aufbaues. Ursprünglich ging man davon aus, dass Falten der Berge aufgrund der Schrumpfung der Erdkruste im Zusammenhang mit der Erdabkühlung entstanden sind. Nun aber erkannte man, dass Falten und Ueberschiebungen das Resultat dynamischer Bewegungsprozesse waren. Auf der im Bild sichbaren Glarner Hauptüberschiebung liegen zuoberst alte Gesteine auf fast 200 Millionen Jahre jüngeren. Während dieser Erdverschiebung vor Millionen von Jahren ist auch das Martinsloch entstanden. Geologen aus der ganzen Welt sind sich einig, dass der Raum Glarnerland - Sarganserland - Graubünden einmalig und geologisch hoch-interessant ist.


Die Sage vom Martinsloch

Elmer Berggeist
Die am Meisten verbreitete Geschichte erzählt von einem Schafhirten Martin, der auf der Elmer Seite seine Tiere hütet. Eines Tages kam ein Riese von Flims her und wollte Sankt Martin Schafe stehlen. Dieser verteidigte aber seine Tiere tapfer und warf dem Riesen seinen schweren Stock nach. Anstatt den Riesen zu treffen, prallte der Stock mit dem spitzigen Ende in die Felswand. Mächtiges Donnern und Grollen ertönte und Steine rollten zu Tal. Danach war im Fels ein dreieckförmiges Loch zu sehen - das Martinsloch ...

Eine andere Sage erzählt von einem Glarner Alphirten und einer Bündner Sennentochter, die sich durch diese Pforte in den Felsen fanden. An einem Martini, dem Martinstag am 11. November.

Nahe am Martinsloch vorbei führt ein Saumpfad über den Segnespass vom Glarnerland ins Vorderrheintal nach Flims im Bündnerland. Dort befindet sich eine megalithische Kultstätte, der Parc La Mutta Falera, ein einzigartiges Zentrum, welches Astronomie, Mathematik und bronzezeitlichen Kult verbindet. Die in der mittleren Bronzezeit (1600-1200 v.Chr.) entstandene Anlage von Falera ist die grösste und wichtigste Megalithenanlage der Schweiz und steht unter archäologischem Schutz.

Bronzezeitliche Funde sind auch erste Belege menschlicher Anwesenheit im Glarnerland. Für die spätere keltische Besiedlung sprechen Bodenfunde und Ortsbezeichnungen. So leitet sich der Name des Talflusses Linth vom keltischen linta ab, was die Geschmeidige oder Schlange, Drache bedeutet. Ortsbezeichnungen belegen eine Besiedelung des Linthtales etwa ab dem 5. Jahrhundert v.Ch.; sie lassen die Anwesenheit von Ligurern, Räten, Kelten und Romanen erkennen.

Erste urkundliche Erwähnung findet Clarona in einer aus dem 8. Jahrhundert stammenden Lebensgeschichte der Heiligen Felix und Regula. Diese seien auf ihrer Flucht nach dem Gemetzel der thebäischen Legion in St.Maurice durch die wüsten Orte der Einöde, die Clarona heisst, gezogen: nach Zürich, wo sie als Märtyrer den Tod fanden und zu den Stadtheiligen von Zürich wurden.

Grosse Teile des Glarnerlandes gehörten bis Ende des 14. Jahrhunderts zur Grundherrschaft des Kloster Säckingen (nach der Legende gegründet von Fridolin), von der sich die Talleute loskauften, ihr aber noch bis 1790 einen ewigen Jahreszins entrichteten (Schabziger).

Auf dem Zaunplatz in Glarus wird seit der ältesten urkundlich belegten Landsgemeinde von 1387 bis heute die Urform der helvetischen direkten Demokratie gepflegt.

Der Riese, das Ungeheuer aus Flims in der Sage vom Martinsloch kann auch im Zusammenhang mit der überregionalen Bedeutung der Linthebene und der dortigen Sprachgrenze gesehen werden. Der zur Römerzeit benutzte Wasserweg Limmat-Zürichsee-Linth-Walensee zählte noch im Spät-Mittelalter als Königs- oder Reichswasserstrasse zu den wichtigen Verkehrsverbindungen.

Das Vordringen der Alemannen in die Schweiz im 6. und im 7. Jahrhundert überlagerte die romanisierte keltische Bevölkerung. Zusammen mit den Römern verschwand auch das Christentum wieder aus der Gegend - wenn auch vermutlich nicht restlos. Alemannen, Ostgoten und Franken stritten sich um das strategisch wichtige Gebiet. Wohl schon im Frühmittelalter verschiebt sich die romanisch-alemannische Sprachgrenze bis zum Walensee.

In der zürichdeutschen Umgangssprache existiert noch heute das Verb tugge für Gebühren zahlen und bezieht sich auf den um 1550 verlandeten Tuggenersee als Teil des oberen Zürichsees. Der Name Tuggen soll keltischen Ursprungs sein und von duggones (dug - führen, ziehen) herstammen, von den Leuten also, welche die Schiffe vom Zürichsee (Obersee) in den Walensee zogen.

Wappen Gemeinde Tuggen
In Tuggen erlebten die Wandermönche Columban und Gallus um 610 ihren Zusammenprall mit der hier ansässigen Kultur. Die Missionierung misslang gründlich. Die beiden mussten das Gebiet fluchtartig verlassen. Die Beata-Landolt-Sippe gründete 741 ein Kloster in Benken (Babinchova). Der Besitz über das Grenzland zwischen Rätien und dem Herzogtum Alemannien (später Herzogtum Schwaben) wechselte ständig. Nach der Legende war das Glarnerland auch von Fridolin besucht worden.

Eine Sage berichtet, Fridolin, der vom sterbenden, reichen Ursus grosse Teile des Glarnerlandes geschenkt bekam, habe diesen im Erbstreit mit dessen Bruder Landolf aus dem Grab um Hilfe geholt. Landolf sei, als er den bereits in Verwesung übergegangenen Bruder unter freiem Himmel auf dem grünen Hügel zu Müsinen bei Sulz vor dem Gaugericht erscheinen sah, darob so erschrocken und beschämt worden, dass er Fridolin auch seinen Teil des Glarnerlandes schenkte. Auf diese Art wurde die Zugehörigkeit des Glarnerlandes zum von Fridolin gegründeten Kloster Säckingen erklärt, Fridolin gilt als Schutzpatron vor Erbschleicherei und ziert das Wappen des Kanton Glarus. Schon vor 1530 ist die Mehrheit der Glarner Bevölkerung reformiert. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli hatte während zehn Jahren in Glarus als Pfarrer gewirkt und seine Reformationsschrift 1523 «Ammann, Rat und Gmeind des Lands Glaris» gewidmet.

Fridolin mit Skelett als Zeuge vor dem Gau-Gericht
Fridolin von Säckingen Fridolin vor dem Gau-Gericht



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