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Drachen - Die Drachenhöhle am Thunersee

Die reiche und vielfältige Welt der Drachensagen wird in der deutschsprachigen Schweiz geprägt durch zwei heraus ragende Legenden, welche deutlich den Kulturwechsel vom untergegangenen keltischen Druidentum hin zur neuen abendländischen Geistlichkeit nach der alemannischen Besiedlung aufzeigen können.Es ist dies einerseits die nachstehend beschriebene Geschichte von der Beatushöhle,vom Heiligen St. Beatus, dem "Drachenbezwinger" am Beatenberg im Berner Oberland und andererseits die Legenden um den Drachenstein am Pilatus bei Luzern, dem Berg des "Christus-Mörders" Pontius Pilatus.

Dabei ist zu beachten, die Drachen sind nicht keltisch, sondern vermutlich von christlicher Mission eingeschleppte Verbindungen mit nordisch germanischem Gespenster-Glaube. Siehe auch hier: Spukgestalten.

Der Drache von Sundlauenen

Drachenhöhle Sundlauenen liegt am Thunersee in der Nähe von Interlaken, wo seit Urzeiten der Bergeist Harder auf die Menschen herabschaut. Von Interlaken aus geht es ostwärts ins Haslital und westwärts ins Simmental, von wo die abenteuerlichen Geschichten über angebliche Hexen stammen, die im 15. Jahrhundert im Formicarius von Johannes Nider eine prägende Wirkung auf das Konzil von Basel und die Hexenverfolgung hatten.

Hier soll sich, so erzählen die Legenden, vor Zeiten, als ein wildes Völklein noch sesshaft war, in einer Höhe, die heute Beatushöhle genannt wird, ein grosser Stein, in seiner Mitte ein wenig eingehöhlt, wie eine Schale, vor dem Eingang befunden haben.

Als der letzte Bewohner der Höhle verschwand, wuchsen Baum und Gestrüpp über der Höhle herauf. Und wenn am dämmernden Abend die Menschen unten am See beisammen sassen, erzählten sie sich von den vergangenen Zeiten. Wussten zu berichten, dass nach einem eisigkalten Winter der Drache die verlassene Höhle genommen hätte und seither nun alle Menschen plage, Acker und Feld verwüste, Schaf und Kuh raube. Woher er gekommen, wusste kein Stein. Hinter Tannen versteckt, stecke er den stachligen Schwanz tief, tief in das finstere Loch. Unter den Krallen des fürchterlichen Drachen verbarg sich der Opferstein. Kein Mensch wagte in der Nähe vorbei, kein Tierlein hüpfte herum. So lebten die Leute von Sundlauenen und gegenüber dem See in viel Angst und Kümmernis. Kein Tag konnte sie recht erfreuen, keine Nacht fanden sie gute Ruhe.

Beatusdrache
Bis vor alten Zeiten über den schwarzen Berg (Brünig) zwei Fremdlinge gewandert kamen, Beatus und Justus. Wie bei so vielen frühchristlichen Heiligen ist auch über das Leben des Heiligen Beatus kaum etwas bekannt. Legenden haben die wenigen historischen Fakten überdeckt, sind aber historisch wertlos. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass Beatus zu jenen irischen Glaubensboten gehörte, die ab dem 6. Jahrhundert die Schweiz und die angrenzenden Landstriche christianisierten. So wird berichtet, die Beiden kamen durch den Aargau in die innere Schweiz. Vielerorts wo sie vorbei kamen bauten die Heiden fortan aus Opfersteinen den Altar, die Kapelle. Am Zugersee sprach Beatus zu schlechten Ohren und steinigen Herzen. Dort sei er von Heiden angegriffen worden. Die Wanderschaft führte weiter, das Unterwaldnerland hinauf gegen den Brünig und den steilen Weg ins Haslital herunter. Dem Brienzersee entlang führte der Pfad zum Thunersee, wo die alten Hütten von Sundlauenen standen. Die Bauern berichteten Beatus von dem schrecklichen Drachen, der in einer nahen Höhle hauste und von dort aus das Land terrorisierte. Beatus und Justus zögerten nicht lange. Sie liessen sich zu dieser Stelle rudern und drangen zur Drachenhöhle vor. Alleine sei Beatus den Berg hinan gestiegen. Und natürlich schoss der Drache aus der Höhle hervor, spie Feuer und wollte sich mit flammenden Augen auf den Feind stürzen. Doch Beatus erhob nur das Kreuz und beschwor das Untier unter Anrufung der Heiligen Dreifaltigkeit. Das war zu viel für den Drachen! Ohnmächtig stürzte er über die Felswände hinab in den Thunersee. Der See aber begann dabei in heisser Wallung zu kochen. Zum Zeichen, dass das Ungeheuer auch wirklich besiegt war, wählten die beiden Männer die ehemalige Drachenhöhle zu ihrem Wohnsitz.

Diese Legenden wurden lange Zeit nur mündlich weitergegeben. Im Mittelalter sei die Beatushöhle am Thunersee ein viel besuchter Wallfahrtsort gewesen. 1231 wird eine Beatuskapelle erstmals erwähnt, unter dem Patronat des 1133 erstmals erwähnten Augustiner-Kloster zu Interlaken. Dieses veranlasste 1511 den Basler Franziskaner Daniel Agricola, eine Legende des heiligen Beatus zu schreiben. Dieser habe eine karolingische Vita des Eremiten Saint Bienheuré von Vendôme benützt und schrieb sie für schweizerische Verhältnisse um. Mit dem Übertritt Berns zur Reformation versiegte die Wallfahrt allmählich. 1528 trat Bern zur Reformation über, und der Kult wurde verboten. 1530 wurde die Kapelle abgebrochen und das Drachenloch wurde zugemauert. Die Reliquien kamen über Interlaken nach Luzern und in verschiedene Orte der Innerschweiz, wo der Kult in der Barockzeit weiterlebte.

Beatushöhlen
Erst im 18. Jahrhundert wurde die Höhle wieder entdeckt. In der Folge fanden Naturforscher ein ausgedehntes Höhlensystem. 1904 entdeckte man bei Ausgrabungen ein Plattengrab mit Skelettresten. Ein Teil davon ist heute als Schauhöhle zugänglich.

Wie so oft wurden wohl auch in Sundlauenen die ungestümen Wässer als Drache personifiziert. Dass sie aus einer Karsthöhle hervorbrachen, machte sie nur umso verdächtiger. Zudem war die Höhle bereits zu prähistorischer Zeit bekannt und wurde als Heiligtum bezeichnet. Mit der bildlichen Überwindung des Drachen wurden auch die letzten Erinnerungen an den vorchristlichen Kult beseitigt. Das ehemals heidnische Heiligtum wurde so, gewaltlos, auf das neue Christentum umgedeutet.

Dass der See kochte, als der Drache in ihn stürzte, kann ebenfalls erklärt werden. Im Umfeld der Höhle fallen die Felswände steil zum See hin ab. Es wäre naheliegend, dass in der Legende die Erinnerung an einen Felssturz weiter lebt. Tatsächlich ging einst bei Ralligen ein Bergsturz nieder. Und doch ist dies nicht das gesuchte Motiv für die Drachensage. Denn das Kochen des Sees wird auch an anderer Stelle beschrieben: Der Chronist Fredegar soll um das Jahr 700 berichtet haben, der See sei diesen Sommer so heiss gewesen, dass er brodelte und die Fische kochten. Hätte er einen Felssturz beschrieben, so wären ihm die Auswirkungen auf das bewohnte Land sicher nicht entgangen. Die Lösung liegt unter dem Wasserspiegel:

Bei Sundlauenen gibt es eine Karstquelle, die unter der Wasseroberfläche in den See mündet. Bei normaler Wasserführung macht sie sich nicht bemerkbar. Auch die Schneeschmelze, ein durchschnittliches Gewitter, oder ein wochenlanger Landregen haben keine Auswirkungen. Aber bei Starkregen kann der Wasserspiegel in der Höhle derart ansteigen, dass sich der Wasseraustritt an der Oberfläche durch brodeln zeigt, oft aber nur durch eine leichte Verfärbung. Das Phänomen dauert ein bis zwei Tage an. In früheren Zeiten, wo Jahrhundert-Hochwässer wirklich nur alle 100 Jahre stattfanden, war es ein grosser Zufall, die Quelle "kochen" zu sehen. So konnte die Erscheinung als einzelnes Ereignis gedeutet und dem Drachensturz zugeschrieben werden.

Quellen:

Historisches Lexikon der Schweiz (HLS)




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