Der weisse Hirsch "Cernunnos" - Wegweiser in die Anderswelt
weiterlesen ... monistisch ist die Anderwelt [l'autre monde] in dieser Welt

In der Wahrnehmung der Menschen erscheint der Hirsch im Frühjahr überraschend ohne sein stattliches Geweih. Dabei handelt es sich aber um dieselben Tiere wie vorher mit Geweih, die lediglich in jedem Februar ihre Hörner abstossen.
Hinweis: Das natürliche ist selber jenes, was andernorts als etwas "über-natürliches" benannt wurde, direkt und ohne Symbole. Ein Verständnis der keltischen Mythologie setzt voraus den zentralen Inhalt jener Glaubensvorstellungen, wie sie, als Beispiel, bei Lucanus (Pharsalia,V. 450f.) überliefert sind: Der Tod sei wie die Mitte eines langen Lebens ... es herrsche also weiterhin der gleiche Geist, nur in einem anderen Körper und in einer anderen Welt.
Die magische Tiermaske der Figur Cernunnos als angeblichem gehörnten Hirschgott erfasst vermutlich lediglich den noch nicht erklärbaren Wechsel des Geweihs, im übertragenen Sinne eine Art von vorher und nachher, dargestellt als persönlichem Halsring und Widderkopf-Schlange und bezogen auf die nach überall und nirgends davon schwimmende Figur. Schlangen häuten sich normalerweise alle 4-6 Wochen, fahren also aus ihrer Haut.
Das Thema gehört zum Zusammenhang des keltischen Samonios, Allerseelen, im Angesicht der unvergänglichen, todlosen Seelen. Die Legenden der neuen, christlichen Geistlichkeit berichten bereits im 8. Jh. von einem angeblich im 1. Jh. lebenden Eustachius (Placidus), der auf der Jagd von einem Hirsch mit dem Gekreuzigten in grossem Strahlenglanz zwischen seinem Geweih dazu aufgefordert worden sei, ihm, dem Hirsch nicht weiter zu folgen. In Anlehnung an diese Geschichte wird im deutschen Sprachraum seit etwa dem 15. Jahrhundert die Legende vom Jäger Hubertus erzählt, dem ein mächtiger Hirsch mit dem Kruzifix zwischen dem Geweih erschien, was ihn bekehrte und davon abhielt, dem Hirsch weiterhin nachzufolgen. Der Gedenktag von Hubertus ist der 3. November, die Zeit von Samonios.
Im schroffen Gegensatz zu diesen Ermahnungen, dem keltischen Cernunnos nicht mehr zu folgen, entstand in Zürich, wo bekanntlich auf dem Uetliberg ein frühkeltisches Fürstinnengrab nachgewiesen ist, eine Ermunterung mit der Aussage, dem Hirsch zu folgen:
Die Geschichte beginnt mit dem Märtyrerstein der Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula und, ab dem 13. Jh., Exuperantius (als Häxebränz). Diese drei Flüchtlinge der römischen "Thebäischen Legion" waren zwar um das Jahr 302 dem Blutbad in Agaunum (St. Maurice) im Wallis entkommen, wurden aber in Zürich gefangengenommen und auf der Limmatinsel, auf der heute die Wasserkirche steht, durch Enthaupten hingerichtet. Worauf die drei Heiligen ihre abgeschlagenen Köpfe aufhoben, das Ufer empor stiegen und sich den Ort ihres Grabes selber ausgesucht haben. "Sich den Ort nach dem Tod selber aussuchen" ist ein zentrales Element der keltischen Mythologie.
Nach den Legenden soll Karl der Grosse auf der Jagd einst einem Hirsch nach Zürich gefolgt sein, bis zu der Stelle als sich sein Pferd vor der Grabstelle der Enthaupteten niederkniete. Als Karl von der Hinrichtung erfuhr, habe er die Gebeine heben lassen und am Ort des Grabes eine Probstei gegründet. Später wurde dort das Grossmünster gebaut, nicht wie üblich christlich geostet, sondern exakt mit der Altarseite auf den Sonnenuntergang bei der Sommersonnwende gerichtet. Neben dem Märtyrerstein auf der Limmatinsel sei eine Säule mit einer Glocke daran aufgericht worden, damit alle, die einen Rechtsspruch, Gerechtigkeit, vom Kaiser wollten ihn damit rufen können. Als die Glocke erstmals läutet und die vom Herrscher eingesetzten Hüter nachsehen, können sie niemanden erblicken. Erst beim dritten Läuten bemerken sie eine um den Klöppel geschlungene Schlange, die sich dem Kaiser zu Füssen legt. Karl deutet das Verhalten als Aufforderung zur Rechtsprechung und beauftragt seine Hüter, der Natter zu ihrem Nest zu folgen. Bei der Richtstätte erblicken sie über den Eiern der Natter eine Kröte, die Karl töten lässt, was ihm die Schlange verdankte indem sie aus ihrem Mund einen Edelstein auf des Kaisers Tisch fallen liess. Der Stein war von wundersamem Glanz und Feuer und hatte die geheime Kraft, bei Weitergabe eine unwiderstehliche Bindung, Sehnsucht und Zuneigung des Erstbesitzers zum jeweiligen Eigner, über dessen Tod hinaus, auszulösen. Selbst verstorbene Besitzer würden damit so erscheinen, als ob sie noch lebendig wären. "So erscheinen also ob noch lebendig" ist ein zentrales Element der keltischen Mythologie. Zum Andenken an Felix und Regula veranlasste Kaiser Karl den Bau der ersten Wasserkirche über dem Richtplatz.
Die Legende vom leuchtenden Hirsch
Nach der Sage lebten um die Mitte des 9. Jh. die zwei Töcher Hildegard und Berta des Königs Ludwigs des Deutschen in einsamer Zurückgezogenheit auf der Burg Baldern. Die Burg stand oben auf dem Grat des Uetlibergs, exponiert auf 810m Höhe, etwa drei Kilometer südlich des keltischen Fürstinnengrabes. Heute ist da ein Gedenkstein, verborgen im Wald. Nachts beteten die beiden Schwestern in den Wäldern bei der Baldern, wo ihnen ein schöner weisser Hirsch mit brennenden Lichtern auf seinem Geweih erschienen und bis zur Kapelle von Felix und Regula an der Limmat vorangeschritten sei. Wiederholt wanderten sie in die benachbarte Stadt und verrichteten ihre Andacht und so schritt der Hirsch alltäglich vor den Schwestern bis zum Limmatufer, jenseits der Grossmünsterkirche. Hier wartete er auf sie und begleitete sie zurück nach ihrer Bergfestung. Da der Hirsch immer wieder an der selben Stelle vor der Limmat stehen blieb und nicht zu bewegen war, weiter zu schreiten, erkannten die frommen Schwestern, dass es der Wille Gottes sei, an diesem Ort ein Gotteshaus zu errichten. Sie unterbreiteten ihren Wunsch dem König Ludwig der Deutsche, ihrem Vater, der ihnen gerne willfahrte. Dem neuen Kloster, das um 853 reich ausgestattet wurde, stand zunächst Hildegard und nach ihrem frühen Tod ihre jüngere Schwester Berta als Äbtissin vor. Das der Äbtissin vom Kaiser Heinrich III. verliehene Münz-, Markt- und Zollrecht machte sie zur Stadtherrin von Zürich. Vom 13. Jahrhundert an nannten sich die Äbtissinnen vom Fraumünster Fürstin.
So hat sich mit dem voranschreitenden Hirsch Cernunnos im Mirakel der Stadtheiligen von Zürich (sich den Ort nach dem Tode selber aussuchen) eine keltische Trias der Fürstin vom Uetliberg erhalten können.
Zusammenfassend wird hier die keltische Mythologie ganz einfach verständlich: Zu Samonios werden die Personen, lebendige und verstorbene, unwiderstehlich an die ausgleichende Gerechtigkeit der Kooperation gebunden. Mit der Widderkopf-Schlange wird der "Edelstein" als Halsring (Torques) mit Beltane verbunden. Beltane und Samonios gehören untrennbar zusammen.
Die keltische Mythologie
Die keltische Anderswelt
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