Kelten

Animismus [Beseelung]

Vermeiden Sie bitte im Zusammenhang mit dem Rückblick auf frühere Kultur den durchaus üblichen, unbemerkt nicht bewussten kulturellen Imperialismus durch die gönnerhaft von oben herab zugestandenen Annahmen und Behauptungen welche auf dem dualen Denk-Muster der selber gelebten Kultur basieren, also griechisch-römisch bzw. philosophisch-religiös vorbestimmt sind. Die Menschen vor Jahrtausenden dachten mit demselben dreiteiligen Gehirn im Kopf [der Geist fiel nicht vom Himmel] wie heute und waren weder dümmer noch blöder wie aktuell zeitgenössisch. So begründen etwa die Funde von Grabbeigaben durch die Archäologie keinen angeblichen Jenseits-Glauben sondern können auch der Vermeidung von Erbstreit und Erb-Schleicherei gedient haben indem die Vermögens-Werte zusammen mit Verstorbenen bestattet wurden usw. usf.

In der heutigen Ethnologie findet der Begriff Animismus kaum noch Verwendung, da als erwiesen gilt, dass es sich beim Leib-Seele-Dualismus um ein abendländisches Konstrukt handelt, welches nicht auf andere Kulturen übertragbar ist. Dreieinig ist Seele natur-wissenschaftlich-genetisch vorhanden zwischen Ahnen und Nachkommen als zeitlos [ewige] physikalische Gegenwart.

Animismus
Leib-Seele-Dualismus um 1500
Die Skelette kriechen aus dem Boden am jüngsten Tag

Im Neolithikum ca. 8000-2000 v.Chr. entwickelte sich aus einem ursprünglichen magischen (unistischen) Weltbild eine Vorstellung von Beseelung der Natur, der Animismus, welcher später zu einer Trennung von Körper und Gedanken im nun dualistischen Glauben der Menschen führte. Diese frühen Vorstellungen widersprechen heute den Erkenntnissen von Naturwissenschaft. Zu den Grundbedingungen, unter welchen im späten animistisch-magischen Weltbild das eine oder andere Erlebnis obsiegt, zählt die Sesshaftigkeit und der Ackerbau. In den Voralpen und in den Bergen trafen die alten Völker auf eine Landschaft, die den Ackerbau fast von selbst verbot, dafür aber Jagd, Viehzucht und Hirtentum förderte und mit ihm die magische Haltung der Menschen. Die Magie war nie Bekenntnis, sondern Erlebnis. Nichts präge den Charakter von Menschen mehr als die Art der Umgebung und die Form der Siedlung.

Das zweite grosse Weltbild nach dem ersten magischen ist jenes der Beseelung, der Animismus. Entstanden ist das Weltbild einer Beseelung bei den jungsteinzeitlichen, sesshaften Ackerbauern [neolithische Revolution], ist also Jahrtausende jünger als die Magie. In der Beseelung (vom lateinischen Wort anima = Seele) tritt vor allem die Trennung von Materie und Seele klar zu Tage, jene Zweiheit, die später als gedankliche Haltung mit Dualismus bezeichnet wird, was gleichzeitig die Geburtsstunde des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten ist. Die Naturkräfte werden übertragen, verkörpert, vergöttlicht. Die magische Ergriffenheit weicht der Hingabe und dem Glauben. Hier in der Beseelung ist der Zauber beheimatet, in der Magie wirkt der Bann.

Magie und Beseelung liefen vermutlich nie als reine Form nebeneinander, denn überall traf die Beseelung auf das erste magische Weltbild. Die Unterschiede zwischen den beiden Welt-Bildern sind heute nicht mehr unmittelbar zu sehen, weil beide Formen gemeinsam und durcheinander gelebt werden. Tatsache ist jedenfalls, dass ein rein magisches [unistisches] Weltbild, wie das zum Beispiel die moderne Quantenphysik erklärend vermittelt, bestehen könnte und auch einst bestand. Die Trennung von Leib und Seele ist willkürlich und die Welt voller meta-physischen Wesen, [Götter], Dämonen, Heroen und vermenschlichter Kräfte nicht mit den Erkenntnissen von exakten Wissenschaften vereinbar.

In einer dritten, jungen Schicht werden die beiden Weltbilder von Religion in Form der Ideologie als Glauben überlagert.

Die grosse Gegnerin des Animismus war die katholische Kirche, welche das frühere Gedankengut Schritt um Schritt vernichtete, bis schliesslich auch der Zustrom göttlicher Gnaden dankbar angenommen wurde. Aus dieser Sichtweise kann die [nachstehende] Sage vom Fluchstein verstanden werden als ein Beispiel, wie zwischen jenen gewaltigen Mühlsteinen, der katholischen Heilslehre und dem ursächlich magischen Erlebnis, der allemannische Erbteil zermalmt wird, und zwar herab bis auf seine letzten Äusserungen, die nun durch den katholischen Legenden-Schatz und deren Heiligen ersetzt werden. Da jedoch bei einer magischen Grundhaltung auch die Gnade aus einem ewigen Vorrat die begrenzte Macht menschlicher Handlung verstärkt, konnte das magische Erlebnis neben dem religiösen bestehen, blieb sogar in einer Reinheit erhalten wie sonst wohl kaum möglich.

Beseelung [Animismus] in Sage und Märchen

Der Fluchstein (Pflugstein) von Herrliberg

Oberhalb von Wetzwil, der Weiler liegt nördlich der Gemeinde Herrliberg am Zürichsee, wurde im Chapftobel (Fröschgüllenbach) ein so genannter Schalenstein gefunden. Der 110 cm lange Stein wurde vermutlich in der Bronzezeit etwa zwischen 2700 bis 1600 v.Chr. bearbeitet. Die eingeschliffenen dreizehn Schalen haben verschiedene Durchmesser und scheinen einem rätselhaften System zu folgen. Vielleicht handelt es sich aber auch bloss um im Laufe der Zeit entstandener Zeugen der Feuerentfachung mittels drehender Holzstäbe. Ebenfalls in Wetzwil gefunden wurden Werkzeuge aus der Jungsteinzeit, darunter eine 15 cm lange Steinbeil-Klinge. Diese und ähnliche Werkzeuge kommen vor allem in Seeufersiedlungen in grossen Mengen vor. Der Ortsname Wetzwil beweist (*wyl) eine vermutlich freundnachbarschaftliche allemannische Besiedlung des ursprünglich helvetisch-keltischen, später kelto-romanischen Gebietes.

Ebenfalls oberhalb von Herrliberg, fast in Sichtweite des gefundenen Schalensteins, etwa 2 Kilometer entfernt, befindet sich ein gigantischer Findling, der Fluchstein oder Pflugstein genannt wird. Er wanderte in der letzten Eiszeit auf dem Rücken des Linthgletschers vom Gandstock im Glarnerland zum heutigen Standort und blieb beim Rückzug des Gletschers liegen. Mit seinen rund 1000 Kubikmetern ist er der grösste Findling im ehemals keltisch-helvetischen Kanton Zürich und steht unter Naturschutz. Von seinem Top aus lässt sich, 156 Meter über dem Seespiegel, der ganze Zürichsee überblicken.

Fluchstein Herrliberg, Wikipedia,© Peter Berger Mit einiger Wahrscheinlichkeit war dieser Findling bereits seit Urzeiten, also im magischen Weltbild, ein bedeutender Ort für die in diesem Gebiet ansässigen Menschen.

Die Sage vom Fluchstein

Am Zürichsee wohnte einst ein seltsamer Zauberer. Der hatte eine schöne Tochter, und diese war in einen hübschen Burschen verliebt. Der Vater sah diese Verbindung nicht gerne und verbot der Tochter bei Todesstrafe, weiter mit ihrem Geliebten zusammenzukommen. Doch die Zuneigung war mächtiger als das väterliche Gebot. Der Alte, dies ahnend, schaute in seinen Zauberspiegel, der ihm die beiden Verliebten zeigte, gerade als sie heimlich einander von der Liebe nicht genug mitteilen konnten. Im Zorn rief der Zauberer seine mächtige Geisterschar zusammen und hiess sie, die beiden Verliebten zu verderben. Ein Unwetter ging nieder, der Blitz traf die Beiden, die Erde öffnete sich und verschlang das Liebespaar. In stillen Nächten steigen die beiden Liebenden aus der Erde herauf, umwandeln umschlungen den Stein und seufzen leise Klagen in die Nacht hinaus. Doch wenn die Morgenlüfte von den Alpen hernieder wehen, verstummt der Geister Klage, und der Stein steht wieder einsam im Feld.

 



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