Kelten

Gaius Iulius Caesar

De bello Gallico

Liber VI, 53 v.Chr.: Cäsar in Gallien und Germanien

Deutsche Übersetzung

[Verweis von keltoi.ch: keine keltischen Gottheiten]

6,11-28: Gallier- und Germanen-Exkurs

11. Bei dieser Gelegenheit halte ich es für passend, über die Sitten Galliens und Germaniens zu sprechen und die Verschiedenheit beider Nationen darzulegen. [2] Überall in Gallien trifft man Parteiungen, nicht nur in allen Staaten, Bezirken und Gemeinden, sondern sogar fast in jedem einzelnen Haus; [3] an der Spitze der Parteien stehen Häupter von grösstem Ansehen, nach deren Gutdünken und Urteil sich die wichtigsten Dinge und Pläne gestalten müssen. [4] Diese Einrichtung ist alt und soll die Hilflosigkeit des gemeinen Mannes gegen die Gewalt der Mächtigeren verhindern, da kein Häuptlinge seine Schutzbefohlenen unterdrücken und beeinträchtigen lässt, wenn er nicht durch ein entgegengesetztes Verhalten alles Ansehen unter den Seinigen verscherzen will. [5] Ebenso verhält es sich mit Gallien als Gesamtheit; denn die einzelnen Staaten zusammen bilden wieder unter sich zwei Parteien.

12. Bei Cäsars erstem Auftreten in Gallien [58 v.Chr.] standen an der Spitze der einen Partei die Häduer, an der Spitze der anderen die Sequaner. [2] Weil die Häduer von alter Zeit an das grösste Ansehen genossen und viele Schutzvölker hatten, hatten sich die weniger mächtigen Sequaner mit den Germanen unter Ariovist eingelassen und mit grossen Opfern und Versprechungen in ihr Land gezogen. [3] In mehreren Treffen hatten sie gesiegt und, da der gesamte Adel der Häduer umgebracht war, eine solche Übermacht bekommen, [4] dass die Schutzvölker der Häduer grösstenteils zu ihnen übergingen, die Häduer selbst aber die Söhne ihrer Vornehmsten als Geiseln ausliefern und sich insgesamt eidlich verpflichten mussten, nie etwas gegen die Sequaner unternehmen zu wollen. Überdies nahmen die Sequaner einen Teil des angrenzenden Landes der Häduer in Besitz und waren so die Ersten in ganz Gallien. [5] Solches hatte den Diviciacus genötigt, sich nach Rom zu begeben [65 v.Chr.] und beim Senat Hilfe zu suchen; er musste aber unverrichteter Dinge zurückkehren. [6] Bei Cäsars Auftreten änderte sich das Verhältnis. Die Häduer erhielten ihre Geiseln und ihren alten Anhang wieder, und es verbanden sich auch noch andere mit ihnen, weil diejenigen, die sich an sie angeschlossen hatten, offenbar billigere Schutzherrn und eine bessere Behandlung fanden. Während sich so alle Verhältnissen der Häduer, ihr Anhang und ihr Ansehen erweiterten, waren die Sequaner um ihren bisher behaupteten Vorrang gekommen. [7] An ihre Stelle traten die Remer. Weil man nämlich sah, dass diese bei Cäsar in gleicher Gunst wie die Häduer standen, begaben sich alle, die wegen alter Zerwürfnisse schlechterdings nicht mit den Häduern gehen konnte, in den Schutz der Remer, die ihnen diesen auch auf das sorgfältigste angedeihen liessen [8] und auf diese Weise ein ganz neues und schnell entstandenes Ansehen genossen. [9] So galten nach den damaligen Verhältnissen die Häduer für die Ersten, die Remer aber behaupteten den zweiten Rang.

13. In ganz Gallien gibt es nur zwei Klassen Menschen, die einiges Gewicht und Ansehen haben; denn das gemeine Volk sieht man fast wie Sklaven an; es kann für sich nichts unternehmen und wird zu keiner Beratung gezogen. [2] Grösstenteils werden von Schulden, übergrossen Abgaben oder durch Mächtigere gedrückt und begeben sich in die Knechtschaft des Adels, der ihnen gegenüber die selben Rechte hat wie der Herr gegen Sklaven. [3] Von jenen zwei Vorzugesklassen bilden die eine die Druiden, die andere die Ritter. [4] Die Druiden haben das ganze Religionswesen, besorgen die Opfer des Staates und der einzelnen und sind die Lehrer und Erklärer in Sachen des Glaubens. Zu ihnen begibt sich, um sich unterrichten zu lassen, eine Menge junger Leute und sie stehen allenthalben in grosser Ehre. [5] Denn fast über alle Streitigkeiten in Sachen des Staates und der einzelnen entscheiden sie. Wenn ein Verbrechen begangen oder eine Mordtat verübt wurde, ebenso in Erbschaftsprozessen und Grenzstreitigkeiten entscheiden immer sie und bestimmen Belohnungen und Strafen. [6] Unterwirft sich ein Privatmann oder ein Stamm ihrem Spruch nicht, so schliesst man sie von den religiösen Opferfeiern aus. Eine schwerere Strafe gibt es bei ihnen nicht. [7] Wer so ausgeschlossen ist, wird als Gottloser und Verbrecher behandelt; alle gehen ihnen aus dem Weg und meiden Umgang und Gespräche mit ihnen, um sich nicht durch Ansteckung zu beschädigen; auch wird ihnen trotz Antrag kein Recht gesprochen und keine Ehrenstelle zuteil. [8] An der Spitze dieser Druiden steht ein Oberhaupt von grösstem Ansehen. [9] Stirbt dieses, so folgt ihm, wer alle anderen an Würde übertrifft; stehen sich aber mehrere gleich, so entscheidet die Wahl der Druiden, manchmal selbst der Kampf mit den Waffen über den Vorzug. [10] In dem Land der Carnuten, das man für den Mittelpunkt von ganz Gallien hält, versammeln sie sich zu einer bestimmten Zeit des Jahres an heiliger Stätte. Wer einen Streit hat, stellt sich dort ein und unterwirft sich ihrem Beschluss und Urteil. [11] Ihre ganze Einrichtung soll zuerst in Britannien aufgekommen und von da nach Gallien gepflanzt worden sein; auch jetzt noch gehen alle, denen an einer genaueren Kenntnis der Sache liegt, um sich zu unterrichten, nach Britannien.

14. Die Druiden nehmen gewöhnlich keinen Anteil am Krieg, zahlen keine Steuern wie die übrigen und geniessen Freiheit vom Kriegsdienst und von allen anderen Lasten. [2] Durch solche Vorteile ermuntert treten viele aus freien Stücken in die Lehre, andere aber werden von ihren Eltern und Verwandten dazu veranlasst. [3] Sie müssen dann eine Menge Verse auswendig lernen, weshalb manche sogar zwanzig Jahre in dieser Schule zu bringen. Sie halten es nämlich nicht für erlaubt, solche Dinge schriftlich zu verzeichnen, während sie sich in anderen Sachen und Geschäften des Staates und der einzelnen der griechischen Schrift bedienen. [4] Dies geschieht, wie ich glaube, aus zwei Gründen: einmal, weil sie verhindern wollen, dass ihre Lehre unter das Volk kommt; und dann, damit nicht ihre Jünger, wenn sie sich auf das Geschriebene verlassen können, weniger Sorgfalt auf das Gedächtnis verwenden; denn die meisten Menschen vernachlässigen im Vertrauen auf das sorgfältige Auswendiglernen und das Gedächtnis. [5] Besonders davon suchen sie zu überzeugen, dass die menschliche Seele unsterblich sei und nach dem Tod von einem Körper in den anderen wandere; so, glauben sie, erhalte man einen Antrieb zur Tapferkeit, wenn man die Furcht vor dem Tod vergesse. [6] Überdies lehren sie noch vieles über die Gestirne und ihren Lauf, über die Grösse des Weltalls und der Erde, über das Wesen der Dinge und die Gewalt und Macht der unsterblichen Götter und weihen die Jugend in diese Lehren ein.

15. Die zweite Klasse bilden die Ritter. Wenn es die Not erfordert und ein Krieg ausbricht [was vor Cäsars Erscheinen fast jedes Jahr geschah, indem man entweder angriff oder sich verteidigte], sind sie alle im Feld. [2] Je vornehmer dann und je mächtiger einer unter ihnen ist, desto mehr Vasallen und Schutzgenossen hat er um sich. Nur dieses Ansehen und diese Macht kennen sie.

16. Das gallische Volk ist durchweg dem Aberglauben sehr ergeben. [2] Wer deshalb an einer bedeutenderen Krankheit leidet, wer sich im Krieg und anderen Gefahren befindet, opfert statt der Tiere Menschen oder gelobt Menschenopfer, die sie sich durch die Vermittlung der Druiden darbringen. [3] Man hat nämlich die abergläubische Meinung, dass für ein Menschenleben nur wieder ein Menschenleben gegeben werden dürfe; anders lasse sich die Hoheit der unsterblichen Götter nicht besänftigen. Auch von Seiten des Staates hat man diesen Opfergebrauch. [4] Einige Stämme haben riesig grosse Götzenbilder aus Weidengeflecht, deren Glieder sie mit lebenden Menschen anfüllen; diese werden dann von unten nach oben angezündet und so die Unglücklichen dem Feuertod geweiht. [5] Besonders angenehm, glaubte man, sei den unsterblichen Göttern die Opferung von Leuten, die sich einen Diebstahl, Strassenraub oder sonst eine Straftat hätten zu Schulden kommen lassen; hat man aber nicht gerade solche Verbrecher, so schreitet man selbst zum Morden von Unschuldigen.

17. Ihr erster Gott ist Mercurius, den man bei ihnen am häufigsten in bildlichen Darstellungen trifft. Er gilt als Erfinder aller Künste, als Geleiter auf Wegen und Strassen und als wichtigster Förderer des Geldwesens und des Handelns. Ihm zunächst folgen Apollon, Mars, Jupiter, Minerva. [2] Über diese haben sie mit anderen Völkern eine annähernd gleiche Vorstellung: Apollon vertreibt die Krankheiten; Minerva lehrt Künste und gewerbliche Fertigkeiten; Jupiter ist der König der Götter; Mars ist Kriegsgott. [3] Wenn sie sich in die Schlacht begeben, geloben sie diesem gewöhnlich die erhoffte Beute. Nach dem Sieg opfern sie die erbeuteten Tiere, die übrigen Gegenstände aber häufen sie an einem Ort zusammen; [4] derlei aufgetürmte Hügel an geweihten Orten trifft man in vielen Städten [5] und höchst selten trat der Fall ein, dass jemand unter Verleugnung der religiösen Scheu das Erbeutete nicht hingab oder von dem Zusammengelegten etwas entwendete; die martervollste Hinrichtung ist die Strafe für ein solches Vergehen.

18. Die Gallier geben insgesamt den Dis als ihren Stammvater aus und berufen sich dabei auf das Wort der Druiden. [2] Deshalb bestimmen sie auch alle Zeitabschnitte nicht nach Tagen sondern nach Nächten; den Geburtstag, den Anfang der Monate und Jahre fassen sie so, dass immer der Tag auf die Nacht folgt. [3] In anderen Gewohnheiten des Lebens unterscheiden sie sich von den übrigen Völkern auch dadurch, dass sie ihren Kindern nicht eher öffentlichen Umgang mit sich gestatten, als bis sie das Alter haben, mit in den Krieg zu ziehen; man hält es für eine Schande, wenn der Sohn in den Kinderjahren öffentlich an der Seite des Vaters erscheint.

19. So viel Geld der Mann von seinem Weib als Mitgift bekam, ebenso viel legt er in genauer Schätzung aus seinem eigenen Vermögen dazu; [2] das Ganze wird dann gemeinschaftlich verwaltet und der Zugewinn beigelegt. Wer den anderen Teil überlebt, erbt das ganze zusätzlich allen bisherigen Erträgen. [3] Die Männer haben Gewalt über Leben und Tod ihrer Weiber und ihrer Kinder; und wenn ein vornehmes Familienhaupt stirbt, so verhängen die versammelten Verwandten, falls der Tod Verdacht erregt, über die Weiber des Verstorbenen die peinliche Untersuchung, wie bei Sklaven; findet man sie schuldig, so werden sie unter grausamste Marter mit dem Feuertod bestraft. [4] Die gallischen Leichenbegängnisse sind gemessen an den sonstigen Lebensverhältnissen der Nation mit Pracht und Kosten verbunden. Die liebsten Gegenstände der Verblichenen werden ebenfalls auf den Scheiterhaufen gebracht, selbst Tiere; in nicht viel früherer Zeit verbrannte man zum Schluss der Leichenfeierlichkeit sogar die Sklaven und Schützlinge, von denen bekannt war, dass sie ihren Herren lieb waren.

20. Die Staaten, die für wohlregiert gelten, haben das strenge Gesetz, dass jeder, der etwas über den Staat von den Nachbarn durch Gerüchte oder Hörensagen erfährt, dies der Obrigkeit anzeigen muss und keinem anderen mitteilen darf. [2] Die Erfahrung lehrt nämlich, dass sich unbesonnene und unerfahrene Leute oft durch falsche Gerüchte in Schrecken setzen lassen, zu starken Taten schreiten und Einschlüsse von grösster Bedeutung treffen. [3] Die Obrigkeit hält dann nach Ermessen solche Mitteilungen geheim oder macht dem Volk bekannt, was sie für dienlich hält. Über Staatsangelegenheiten zu sprechen ist nur durch das Mittel der Vollversammlung erlaubt.

21. Von diesen Sitten weichen die Germanen in vielen Stücken ab. Man findet bei ihnen keine Priester wie die Druiden und auch keinen besonderen Hang zum Opferdienst. [2] Als Götter verehren sie nur Sonne, Vulkan [d.h. Feuer] und Mond, die sie sehen und deren offenbaren Einfluss sie wahrnehmen. Die übrigen Götter kennen Sie auch nicht dem Namen nach. [3] Ihr ganzes Leben bewegt sich zwischen Jagd und Kriegsbeschäftigung; von Jugend auf gewöhnen sie sich an Mühe und Abhärtung. [4] Lange unverheiratet zu bleiben bringt bei ihnen grosses Lob; denn dadurch, glauben Sie, werde Körpergrösse, werde die Kraft gemehrt und die Nerven gestärkt. [5] Dagegen gilt es für höchst schimpflich, vor dem 20. Lebensjahr eine Frau erkannt zu haben. Und doch machen sie aus der Verschiedenheit der Geschlechter kein Geheimnis; denn beide Geschlechter baten sich gemeinschaftlich und tragen einen grossen Teil ihres Körpers bloss, da ihre Bedeckung nur aus Fellen und kleinen Pelzen besteht.

22. Mit dem Ackerbau beschäftigen sie sich nicht eifrig; der grössere Teil ihrer Nahrung besteht aus Milch, Käse und Fleisch. [2] Auch besitzt niemand bei Ihnen ein bestimmt abgemessenes Feld oder ein eigenes Gebiet. Nur ganze Stämme, Geschlechter und Verbände bekommen alljährlich von ihren Obrigkeiten und Häuptlingen, so viel und wo diese es für gut finden, Feld angewiesen, müssen aber im folgenden Jahr anderswohin ziehen. [3] Dafür führt man viele Ursachen an: damit die Leute nicht durch ununterbrochene Wohnung und Bebauung derselben Gegend verlockt werden, die Lust zum Krieg mit dem Ackerbau zu vertauschen; damit sie nicht nach ausgedehntem Landbesitz trachten und die Mächtigeren die Schwächeren aus ihren Besitzungen verdrängen; damit sie nicht, um Kälte und Hitze zu vermeiden, gemächlichere Wohnungen bauen; ferner, um keine Geldgier aufkommen zu lassen, woraus Parteienzwist entsteht; [4] endlich, um die Zufriedenheit des gemeinenen Mannes zu erhalten, wenn er sieht, dass sein Besitz selbst dem der Mächtigsten gleichkommt.

23. Die einzelnen Staaten suchen ihre grösste Ehre darin, möglichst weit um sich verwüstete Einöden an ihren Grenzen zu haben. [2] Sie sind es nämlich als einen besonderen Beweis der Tapferkeit an, wenn ihre Nachbarn aus ihren Sitzen vertrieben werden und weichen und niemand es wagt, in ihrer Nähe zu wohnen; [3] zugleich finden Sie darin auch eine Sicherheit, weil sie keinen plötzlichen Überfall zu fürchten haben. [4] Wird ein germanischer Stamm durch Angriff oder Verteidigung in einen Krieg verwickelt, so wählt man zu seiner Leitung ein Oberhaupts mit Macht über Leben und Tod. [5] Im Frieden hingegen haben sie keine Obrigkeiten über das Ganze, sondern die Häuptlinge der einzelnen Gegenden und Gaue sprechen unter ihren Leuten Recht und beheben die Streitigkeiten. [6] Raub gilt nicht als schimpflich, wenn er ausserhalb des eigenen Gebietes geschieht; ja sie rühmen ihn sogar als Mittel gegen den Müssiggang und zur Ertüchtigung der Jugend. [7] Wenn einer der Häuptlinge in der allgemeinen Versammlung erklärt, er wolle sich an die Spitze stellen: wer Anteil zu nehmen wünsche, der solle sich melden, so erheben sich alle, denen der Mann und das Unternehmen gefällt und versprechen ihm unter lautem Beifall der Menge ihre Unterstützung. [8] Folgt dem aber einer später dennoch nicht, so betrachtet man ihn als fahnenflüchtig und Verräter; niemals mehr findet er für die Zukunft Glauben. [9] Den Gastfreund zu verletzen gilt für ein grosses Verbrechen, und es mag einer zu ihnen kommen in welcher Angelegenheit er immer will, so schätzen sie ihn als unverletzlich gegen jede Beleidigung; jedes Haus steht ihm offen; jeder reicht ihm den nötigen Unterhalt.

24. In früherer Zeit waren die Gallier tapferer als die Germanen, führten Angriffskriege und schickten wegen ihrer grossen Bevölkerung, für die sie nicht Land genug hatten, Auswanderer auf das rechte Ufer des Rheins. [2] So besetzten Tektosagen aus dem Stamm der Volken die fruchtbarsten Gegenden Germaniens am herkynischen Wald, den, wie ich sehe, schon Eratosthenes und andere Griechen unter dem Namen des orkynischen vom Hörensagen kannten. [3] Sie wohnen auch noch bis zur Stunde dort und geniessen wegen ihrer Gerechtigkeit und Tapferkeit sehr grosses Ansehen. [4] In unserer Zeit nun leben die Germanen immer noch gleich arm, dürftig, hart, und begnügen sich mit der selben Nahrung, Kleidung und Wohnung wie früher. [5] Den Galliern dagegen verschafft die Nähe römischer Provinzen und die Bekanntschaft mit den über das Meer kommenden Waren mehr Genüsse und grösseres Wohlleben. [6] Allmählich sind sie daran gewöhnt, besiegt zu werden und vergleichen sich nach vielen Niederlagen an Tapferkeit selbst nicht mehr mit den Germanen.

25. Der Wald Hercynia, von dem ich soeben sprach, erstreckt sich der Breite nach für einen guten Fussgänger neun Tagesreisen weit; eine andere Bestimmung ist nicht möglich, da man dort eigentliche Wegmessungen nicht kennt. [2] Er beginnt im Gebiet der Helvetier, Nemeter und Rauraker und läuft dann in gerader Richtung mit dem Donaustrom bis zu den Dakern und Anarten; [3] von hier aber biegt er nach links durch von dem Fluss abgelegene Gebiete und berührt wegen seiner Grösse viele Völker und Länder. [4] Niemand in diesen Gegenden Germaniens, selbst wenn er 60 Tage auf der Reise war, kann behaupten, dass er den Anfangspunkt des Waldes gesehen oder etwas Bestimmtes darüber erfahren habe. [5] Bekanntlich leben in ihm auch viele Tiergattungen, die man anderwärts nicht findet. Die auffallendsten und merkwürdigsten Arten sind folgende:

26. Es gibt dort ein Rind, dem Hirsch nicht unähnlich [Rentier], auf dessen Stirn mitten zwischen den Ohren sich ein Horn erhebt, das aber höher und gestreckter ist als die uns bekannten Hirschgeweihe. [2] Ganz oben an seiner Krone laufen, wie Ruderschaufeln oder Palmblätter weite Äste aus. [3] Die männlichen und weiblichen Tiere gleichen sich in Beschaffenheit, Gestalt und Grösse des Geweihes.

27. Ferner der Elch. Er gleicht an Gestalt und Farbenwechsel des Fells dem Reh, ist aber etwas grösser; seine Hörner sind nur ein Stumpf, und seine Beine ohne Knöchel und Gelenke. [2] Wenn er ausruhen will, legt er sich deshalb nicht nieder und kann sich, wenn er durch einen Zufall niederstürzt, nicht aufrichten oder aufhelfen. [3] Bäume dienen ihm daher als Lager; an sie lehnt er sich an und so ruht er, nur etwas rückwärts gebeugt, aus. [4] Wenn nun die Jäger an den Spuren bemerken, wo er sich hinzubegeben pflegt, so untergraben sie entweder alle Bäume in der Wurzel oder hauen sie so an, dass sie nur noch dem äussersten Schein nach stehen. [5] Lehnt sich dann ein Elch seiner Gewohnheit nach daran, so drückt er den geschwächten Baum durch seine Last nieder und fällt selbst mit zur Erde.

28. Die dritte Tierart sind die sogenannten Auerochsen, die in ihrem ganzen Äusseren, besonders an Gestalt und Farbe, dem Stier nahekommen, aber fast so gross sind wie ein Elefant. [2] Diese Tiere besitzen eine gewaltige Starke und Schnelligkeit; jeder Mensch und jedes Tier, das sie erblicken, ist verloren. Man gibt sich deshalb viel Mühe, sie in Gruben zu fangen und zu töten: [3] ein mühevolles Jagdgeschäft, in dem sich die jungen Leute üben und abhärten; grosses Lob erhält deshalb, wer die meisten erlegt hat und zum Beweis der Tat die Hörner der Tiere dem Volk aufweist. [4] Der Auerochse wird übrigens nie zahm und gewöhnt sich nicht an die Menschen, auch wenn man ihn ganz jung einfängt; [5] seine Hörner sind an Weite, Gestalt und Aussehen von den Hörnern unsere Ochsen sehr verschieden; [6] man sucht sie eifrig, fasst den Rand mit Silber ein und verwendet sie bei glänzenden Festmählern als Becher.


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